<p>Beim Ausbau der S 11 sollen geschützte Tierarten bestmöglich geschont werden. Aber welche Tierarten gibt es dort überhaupt? Wir gehen auf Expedition mit einem Reptilien-Experten – und werden fündig.</p>

Unter der Lupe für den Artenschutz: unterwegs mit den Reptilienkartierern

30.08.2021

Damit die S 11 in Zukunft im 10-Minuten-Takt unterwegs sein kann, muss die Strecke ausgebaut werden. Doch schon bei der Planung gibt es eine Menge zu beachten, zum Beispiel den Artenschutz. Denn entlang von Bahntrassen finden auch Tiere ein Zuhause, die unter Schutz stehen. Aber wer lebt entlang der S 11-Strecke eigentlich genau? Und wie lassen sich die Arten beim Ausbau am besten schützen? Schon während der Planungsphase schaut die Deutsche Bahn als Bauherrin ganz genau hin – und das wortwörtlich. Im August haben wir einen Experten auf dem Streckenabschnitt zwischen Köln-Dellbrück und Bergisch Gladbach bei seiner Suche nach Amphibien und Reptilien begleitet.

Manfred Henf hat seinen Blick fest auf den Boden gerichtet. Langsam und mit vorsichtigen Schritten bewegt er sich durch das Gestrüpp. Seinen Augen entgeht nichts, was sich in der grünen Vegetation entlang der Bahntrasse zwischen Köln-Dellbrück und Bergisch Gladbach versteckt.

Foto: Reptilien- und Amphibien-Experte Manfred Henf hält entlang der Gleise Ausschau nach Tieren

Als Herpetologe – also als Reptilien- und Amphibienkundler – ist Manfred Henf Experte für die tierischen Nachbarn entlang der Bahntrasse. Seit über 30 Jahren ist er beruflich für den Artenschutz unterwegs. Im Zuge des Ausbaus der S 11 erfasst er nun für die Deutsche Bahn, welche Reptilien und Amphibien der unterschiedlichsten Arten entlang der Strecke leben.

Starke Schiene und starker Artenschutz

Denn gerade Bahntrassen bieten für viele Reptilien und Amphibien einen optimalen Lebensraum. Zwischen Bahndämmen, Grünstreifen und Schotter finden sie sonnige Flächen, zahlreiche Nahrungsquellen und winterfeste Unterschlupfe. Bauarbeiten bedeuten für die Tiere entlang der S 11 damit erst einmal einen Eingriff in ihr Biotop. Um festzustellen welche Arten und wie viele Tiere davon unter Umständen betroffen sein könnten, wird noch während der Planungsphase eine sogenannte Kartierung durchgeführt: eine genaue Bestandsaufnahme bestimmter Tierarten. Die ist Teil einer umfangreichen artenschutzrechtlichen Prüfung. Die Kartierung: Auf der Suche nach Blindschleiche, Ringelnatter und Co. Mit geschultem Blick läuft der Artenkundler die Strecke immer wieder ab. Mindestens sechs Mal im Laufe eines Jahres. Zwischen März und Oktober dokumentieren Manfred Henf und sein Team , welche Reptilien- und Amphibien-Arten und wie viele Exemplare sie entdecken. Dank jahrzehntelanger Erfahrung kennt der Experte die Lebensräume der unterschiedlichen Arten sehr genau und weiß, nach welchen Mustern er Ausschau halten und auf welches Rascheln er besonders achten muss. Wichtig ist auch, dass während der Suche die Wetterbedingungen passen. Denn damit Reptilien und Amphibien sich zeigen, darf es weder zu warm noch zu kalt noch zu nass sein. In seinem Bericht dokumentiert der Experte deshalb auch die Wetterlage während der Kartierung. Um die schreckhaften Tiere zielgerichtet zu finden, haben Manfred Henf und sein Team entlang der Strecke mehr als 120 künstliche Verstecke ausgelegt. Die schwarzen Dachpappen bieten für Blindschleiche und Co. einen optimalen Unterschlupf. Hier können sich die wechselwarmen Tiere verstecken und aufheizen. Amphibien finden sich auch unter den Pappen. Denn hier schlägt sich die Bodenfeuchtigkeit nieder und hält sich besonders lange. Doch auch außerhalb dieser Verstecke geht die Suche weiter. Schnelligkeit und gute Sinne sind hier die obersten Gebote: Manchmal blitzt nur noch eine Schwanzspitze durch die Grashalme, an welcher der Experte erkennen muss, um welche Art es sich handelt.

Foto: Nach und nach lüftet Manfred Henf die künstlichen Verstecke, um zu sehen ob sich dort vielleicht Amphibien einen Unterschlupf gesucht haben

 

Foto: Unter dieser Dachpappe haben zwei Blindschleichen ein Versteck gefunden

 

Nach jeder Sichtung dokumentiert der Herpetologe jedes einzelne Tier genauestens: Mit seinem GPS-Empfänger hält er fest, welcher Art es angehört, ob es ein Männchen oder ein Weibchen ist und ob es sich um ein Jungtier handelt. Aus den GPS-Koordinaten entsteht so im Laufe der Monate eine detaillierte Karte, aus der sich ganz genau ablesen lässt, wie die Verbreitung der unterschiedlichen Reptilien- und Amphibien-Arten entlang der Strecke aussieht. Da aber selbst der beste Naturkundler nicht jedes einzelne Reptil entdecken kann, wird am Ende mit einem Korrekturschlüssel noch eine Hochrechnung aufgestellt. Aus seiner Erfahrung heraus schätzt Manfred Henf, dass er rund zehn Prozent der Gesamtpopulation im Rahmen einer solchen Kartierung entdeckt.

Foto: Mit seinem GPS-Empfänger markiert Manfred Henf, an welcher Stelle er die Exemplare gefunden hat

Was bedeutet das für die Planung?

Aus den Daten der Kartierung ergeben sich wichtige Informationen für die weitere Planung des neuen Gleises: Auf welche planungsrelevanten Arten trifft man entlang der Strecke? Und mit welchen Maßnahmen können die Tiere bereits im Vorlauf der Bauarbeiten geschützt werden? Mit diesen Informationen im Gepäck wird anschließend durch die Behörden geprüft, ob die Planung wie vorgesehen zulässig ist. Der Eingriff durch die Bauarbeiten wird dazu von der Naturschutzbehörde kritisch geprüft und bewertet. Je nach Bewertung fließen dann unter Umständen auch Vorgaben für Ersatz- und Schutzmaßnahmen mit in die Planung ein. Nur wenn sichergestellt ist, dass der Artenschutz ausreichend berücksichtigt wird, ist der Gleisausbau am Ende möglich. Als Ausgleich können beispielsweise Ersatzlebensräume angelegt oder bestimmte Zeiten für die Bauarbeiten festgelegt werden. Erst wenn diese Maßnahmen geklärt sind, geht es an den Bau.

Foto: Auch die Ringelnatter konnte der Reptilienkundler während seiner Suche schon entdecken

Wie geht es weiter bei der S 11?

Je nach Wetterlage laufen die Kartierungsarbeiten für die Reptilien und Amphibien zwischen Köln -Dellbrück und Bergisch Gladbach noch bis September oder Oktober. Von März bis August waren Manfred Henf und sein Team schon vier Mal auf der Strecke unterwegs. Nach Abschluss der Kartierung fassen sie in einem Bericht zusammen, welche Reptilien- und Amphibien sie entdeckt haben und welche Schutzmaßnahmen sie gegebenenfalls empfehlen. Sind für den Schutz besondere Maßnahmen notwendig, werden diese noch vor Baubeginn realisiert.

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